Meine WerkThemen

Malen ist für mich ein Weg zu innerer Freiheit und Lebensfreude. Mein Atelier im Essener Süden mit Blick auf den Baldeneysee ist seit dem Sommer 2015, als ich ein neues, eindrucksvolles Kapitel in meiner Lebensgeschichte aufgeschlagen habe, ein neuer Ankerpunkt in meinem Leben geworden.

Meinem Kunstschaffen gingen mehrere prägende Ereignisse unmittelbar voraus:
1. Nach dem Umzug an meine neue Arbeitsstätte, einem städtischen Gymnasium in der ruhigen und weiten Ebene des Niederrheins, gelangte meine bisherige Beziehung in eine Krise und führte schließlich zur Trennung.
2. Die junge Frau, der ich meine Wohnung in Essen nach dem Umzug zur Miete überlassen hatte, reichte nach 3 1/2 Jahren im Frühjahr 2015 die Kündigung ein. Diese Räumlichkeiten dienen seitdem als Atelier-Wohnung.
3. Meine Tochter hat ihr Studium in Aachen beendet und benötigt meine finanzielle Unterstützung nicht mehr. Nun kann ich mir den Atelierraum finanziell leisten.

Mir ist es wichtig zu vermitteln, dass meinem Kunstschaffen eine große Lebenskrise vorausging, denn ich habe zunächst nicht aus einem inneren Verlangen heraus gemalt, sondern mehr als Trost. In einer stabilen Beziehung hätte ich vielleicht nie diese Muße aufgebracht, schon gar nicht in diesem Zeitumfang.

Die Wochenendbeziehung zu meinem bisherigen Lebenspartner hat sich in eine Wochenendbeziehung zur Kunst gewandelt. Unter der Woche arbeite ich an der Schule, und an den Wochenenden und in den Ferien wird im Atelier gemalt. Beide Wohnungen liegen etwa 65 km voneinander entfernt.

Ich habe schon gewisse Vorstellungen davon, wie meine Bilder aussehen sollen, auch wenn ich oft nur sehr vage Ideen habe vom eigentlichen Ablauf des Malprozesses. Gerne lasse ich mich von Eingebungen leiten, die aus dem Moment heraus entstehen.
Am liebsten beschäftige ich mich mit kleinen bis maximal mittelgroßen Formaten, die allesamt noch bequem am Tisch gestaltet werden können. An der Staffelei fühle ich mich meinen Bildern beim Malen nicht nah genug. Zu starr wäre mir die Bildausrichtung, denn ich liebe es, wenn ich das Bild stufenlos drehen und wenden kann.
Der große Tisch im Wohnraum,  das eigentliche Zentrum meines neuen Ateliers, ist Arbeits- und Essplatz zugleich. Ein Platzdeckchen als selbst gestaltetes Unikat markiert die Essenszeit und verschwindet genau so schnell wieder, wenn ich anfange zu malen.
Auf der komplett überdachten Loggia mit Blick auf den Baldeneysee stehen im Sommer zwei schlichte Gartenliegen und ein kleiner Holztisch – stets bereit für einen Plausch mit einer guten Freundin oder aber einfach nur zum Träumen und Abschalten, wenn ich alleine bin. Einige wenige blühende Balkonpflanzen mit roten und weißen Blüten sind neben den eigenen Werken an den Wänden die einzige Zierde in der ganzen Wohnung.

Viele meiner Werke stehen in direktem Bezug zu meinem Beruf als Kunstlehrerin. Der Lehrplan sieht u.a. als Unterrichtsthema Zufallsverfahren vor. Man versteht darunter Bildstrategien, die nicht unmittelbar der vollständigen Kontrolle unterliegen. Farben und auch weitere Malmedien können zwar noch bewusst ausgewählt werden, doch alles Weitere ergibt sich erst im unmittelbaren Tun, und das erfordert ein Einlassen und Hingabe an den Prozess.
Die ursprüngliche Lücke im Unterrichtsplan ist also der Ausgangspunkt für mein künstlerisches Schaffen im Atelier, das in den folgenden Jahren stets mit dem Aspekt des Zufalls befasst ist.

Handelt es sich um einen Zufall mit dem Zufall?

In einem Workshop bei der Künstlerin Susanne Hilbert lernte ich eine neue Maltechnik kennen, die von diesem Moment an den Weg bereitete für eine Vielzahl an Variationen aber auch Weiterentwicklungen zum Thema Zufallsverfahren. Von Anfang an hat mich die Möglichkeit fasziniert, die relativ glatte, vor allem aber ebene Struktur einer Leinwand zu mehr natürlich erscheinenden Malgründen, die entsprechend mit Strukturpasten behandelt werden. In dieser Hinsicht favorisiere ich die Konzeption eines Friedrich Hundertwasser, der die gerade Linie ablehnt, genauso wie alle Formen, die mit technischen Hilfsgeräten wie Lineal und Zirkel erarbeitet werden.

Werkthema Eins

Ausgehend von dem Erstellen verschiedener Strukturen auf der Leinwand mit einer selbst hergestellten Spachtelmasse mit Marmormehl eröffnen sich mit der farbigen Gestaltung mit Pigmenten und Leinöl völlig neue Dimensionen im Umgang mit Farbe. Lasierendes Arbeiten ist mir fortan immer wieder begegnet, und speziell das Malen in mehreren Schichten erlaubt  ungeahnte Möglichkeiten an Farbwirkungen für den Künstler und nicht zuletzt für den Betrachter.

Die spezielle Rissstruktur entsteht durch die Wärmeeinwirkung mit einem Heißluftföhn, nachdem die Spachtelmasse aufgebracht ist. Zunächst werden feine Haarrisse sichtbar, bis je nach Schichtdicke innerhalb von 24 Stunden die Spachtelmasse luftgetrocknet ist. Die Rissintensität hat deutlich zugenommen, und der Malprozess kann beginnen.

„Ein Zeichen des kommenden Frühjahrs“, 60×60 cm, Öl und Spachtelmasse aus Marmormehl auf Leinwand, 2016

Die selbst hergestellten Ölfarben wurden bei den weiteren Werkthemen abgelöst von Acryltinten und selbst hergestellten Acrylfarben aus Pigmenten und Binder. Mit vielen weiteren Spachtelmassen habe ich experimentiert, um auf der Leinwandfläche Strukturen als Malgrund zu erzeugen. Doch dazu später mehr.

Werkthema Zwei

Bei der Schichtenmalerei wird die Leinwand in vielen Arbeitsgängen mit mehr oder weniger Farbe abwechselnd mit dem Pinsel, dem Malmesser oder der Farbwalze aufgetragen, und auch hier entsteht eine verwirrende Vielfalt von Bildräumen und Bildelementen, die jeder Betrachter assoziativ mit ihm bekannten Schemata einem Bildthema zuordnet und sich beim Betrachten selbst neue Bildwelten eröffnen, die auch ein inneres Sehen ermöglichen. Ganz oft wird das Sehen auch von einer Vielzahl von Emotionen begleitet. Das Betrachten von Bildern ist also immer auch eine Beschäftigung mit sich selbst.


„Aneinander gedrängt stehenbleiben II“, 24x30cm, Acryl auf Leinwand, 2016

Werkthema Drei

Das faszinierende Wechselspiel von Farben und Materialien und insbesondere der Oberflächenbeschaffenheit inspiriert mich immer mehr zu neuem Experimentieren mit bislang unbekannten Malprodukten.
Malmittel, die innerhalb kürzester Zeit – oft über Nacht – bereits Umwandlungsprozesse in Gang setzen, die natürlicherweise sonst über Jahre erst entstehen, sind ein spannendes Arbeitsfeld für Künstler, die dieses Phänomen im Zeitraffer aufspüren wollen.
So verwandeln sich eisenhaltige Malfarben durch den Zusatz flüssiger Oxidationsmittel bereits während des Trocknungsprozesses innerhalb weniger Stunden in die allseits bekannten Rostfarben, die genauer betrachtet sogar kristalline Strukturen aufweisen und glitzern und funkeln.
Entsprechend verhalten sich kupferhaltige Malmittel, die nach der Oxidation mit dem Sauerstoff aus der Luft eine helle blaugrüne Patina ausbilden, die typische Farbe von Kupferoxid, die man z.B. von Kirchendächern kennt, die mit Kupferplatten eingedeckt sind und den Witterungsbedingungen von Wind und Wetter ausgesetzt sind.
Im Zusammenspiel ergeben diese beiden  Malmittel reizvolle Kontraste. Der Ausdruck kann noch gesteigert werden durch den Einsatz von reliefbildenden Materialien wie Wellpappe, die collagenartig eingefügt, zusätzlich dreidimensionale Strukturen erzeugen.

 

„Er drängte nur und drängte“, 10×10 cm, Oxidationsprodukte und Wellpappe auf mit Leinwand kaschierter Malplatte, 2016


Werkthema Vier

Im Sommer 2017 entstanden mehrere Serien von Reliefbildern, bei denen Textilien bzw. Textilreste nach Schneiderarbeiten das Ausgangsmaterial darstellen. Zusätzlich habe ich partiell an einzelnen Stellen gerissene Wellpappe auf die Leinwand aufgebracht.
Die Farbigkeit der bedruckten Textilien hat insofern stark meine Malerei beeinflusst, zumal dadurch eine ganz spezielle Dynamik in Gang gesetzt wurde, die ich auf einer weißen Leinwand in dieser Ausprägung sicher nicht gehabt hätte. Es schien, als würde den kleinen Stofffetzen eine Energie innewohnen, die durch das Weitermalen entfesselt würde.
Eine neue Faszination habe ich für die Lasurfarben entwickelt, die eine gewisse Transparenz, aber auch gleichzeitig eine starke Tiefenwirkung im Bild erzeugen.

„Die immer lebhafter werdende Tochter“, 40×50 cm, Acryl- und Lasurfarben, Textilreste und Wellpappe auf MDF-Platte, 2017


Werkthema Fünf

Die reliefierten Malgründe haben mich nicht mehr losgelassen. So lag der nächste Schritt nicht so fern, verschiedene strukturbildende Malmittel miteinander zu kombinieren. Neben Strukturpasten, die ich selbst hergestellt habe (aus Marmormehl und Binder), kamen auch glatte schnell trocknende Spachtelmassen zum Einsatz, genauso wie Papier (weißes Seidenpapier oder Zeitungspapier), das in die glatte Spachtelmasse eingearbeitet wurde und dann mit dem Malgrund verbunden wird.
Auf den getrockneten Malgrund wird zunächst mit einer Sprühflasche Wasser aufgetragen und unmittelbar danach die Acryltinte tröpfchenweise hinzugegeben, die auf dem nassen Malgrund sofort verschwimmt. Hier hat der Zufall sehr großen Einfluss auf das Geschick bei der farblichen Gestaltung. Es ist immer wieder ein faszinierendes Erlebnis, wie die Farben miteinander in Wechselwirkung treten.
Sobald die Farbe getrocknet ist, lässt sich das Bild mit Acrylfarbe weiter überarbeiten. Das ist an einigen Stellen schon erforderlich, wenn man an gewissen Farbharmonien interessiert ist.

„Der Zufluchtsort der Unwissenheit I“, 24×30 cm, Acryltinte, Acrylfarben, verschiedene Spachtelmassen auf Leinwand, 2017


Werkthema Sechs

Später haben mich verschiedene Ideen zu Übermalungen angeregt durch Museumsbesuche zu Gerhard Richter. Bilder aus Zeitschriften oder Digitaldrucke wurden farblich erweitert durch das Farbschema aus den Abbildungen und anschließend partiell übermalt, um damit eine für den Betrachter irritierendes Wechselspiel von Distanz und Nähe zu erzeugen. Gehören die Übermalungen noch zum Bildraum im ursprünglichen Sinn, oder erschaffen die neu angelegten Farbspuren vielmehr eine weitere Bilddimension? Selbst genaues Wahrnehmen lässt den Betrachter im Ungewissen, und immer wieder werden traditionelle Betrachtungsweisen durchbrochen und infrage gestellt.

„Festgewordene weiße Sauce I“, 20×20 cm, Übermalung aus Papier, Ölpastellkreiden und Acrylfarbe auf Leinwand, 2017

Werkthema Sieben

Papier ist nicht nur ein wunderbarer Malgrund zum Zeichnen mit Stiften, sondern auch für die Verwendung mit Spachtelmassen und Acrylfarbe, wenn man ein Papier mit einer hohen Masse wählt, z.B. sehr dickes Aquarellpapier. Oft grundiere ich das Papier zunächst mit einer dunklen Farbe aus Pigmenten und Binder, bevor die erste Spachtelmasse aufgetragen wird. So bekommt das Bild von Anfang an mehr Tiefe. Mithilfe des Binders werden nicht nur die Farben angerührt, ich arbeite einzelne  Zeitungssausschnitte mit hohem Schriftanteil oder auch andere farbige Papiere mit ein wie Strohseide oder solche, in denen Naturmaterialien beim Papierschöpfen schon integriert sind. Bei den transparent erscheinenden Papieren verwende ich gerne Lasurfarben oder Acryltinte, da beide Malmittel die Farben transparent erscheinen lassen.
Der Zufall spielt hier insofern eine große Rolle, weil ich vorher nie weiß, zu welcher Farbe oder zu welchem Malmittel ich als Nächstes greifen werde. Und selbst wenn ich eine gewisse Vorauswahl getroffen haben sollte, ändere ich kurzfristig doch oft wieder den Plan.

„Augenblickliche Besserung der Lage“, 14×19 cm, Mixed Media auf Aquarellpapier, 2018

 

Werkthema Acht

Durch Social Media bin ich auf eine Maltechnik aufmerksam geworden, die sich wie keine andere dazu eignet, sich dem Zufallsgeschehen hinzugeben. Alles worauf man Einfluss nehmen kann, ist die Wahl der Farben und die Variationsmöglichkeit an Gießtechniken, die sich beim Zusammenfließen der Farben auf den Malgrund ergibt. Selbst die Dominanz einzelner Farben unterliegt dem Zufall, die sich einzig durch die Dichteunterschiede der Acrylfarben an die Oberfläche drängen. Jeder Künstler schwört auf sein Pouring-Medium (ich selbst bevorzuge Floetrol in Verbindung mit Silikon-Öl) und sein Mischungsverhältnis, und in der Tat ist man auf sich selbst gestellt, um zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu gelangen, zu groß ist die Versuchung am Anfang, den Malprozess steuern zu wollen. Die Vorbereitungszeit dauert relativ lang, weil man jede einzelne Farbe in einem separaten Gefäß anrühren muss, der Gießprozess selbst geht sehr schnell, und abschließend braucht man sehr viel Geduld, bis das Bild getrocknet ist, denn es gibt keinen besseren Berater als die Zeit.
Nach einigem Experimentieren hatte ich die besten Ergebnisse mit Naturfarben in der Skala von Hellbeige, über Rotbraun bis Dunkelbraun in Kombination mit etwas Orange oder Oliv- und Hellgrün. Eigentlich hätte mich das nicht wundern sollen. Immer wieder empfinde ich eine sehr starke Verbundenheit mit der Natur, und ich finde, das man das auch in vielen meiner Werke ablesen kann.
Eine Zeit lang hat mich diese Technik so in den Bann gezogen, dass ich ein Monatsprojekt daraus gemacht habe. An jedem Wochenende habe ich eine Variation zum selben Thema gestaltet, bis eine Abfolge von 19 Einzelbildern entstanden ist. Der Malprozess kann hier im Blog verfolgt werden unter „Acrylic Pouring – Eine Serie entsteht (2) Septemberprojekt“.

„In Tränen der Rührung ausbrechen“, 30×30 cm, Acrylic Pouring auf Pappwabenplatte, 2018

Auf der Suche nach geeigneten Bildtiteln bin ich unwillkürlich über Franz Kafkas „Die Verwandlung“ gestolpert. Anders kann man diesen Zufall nicht treffender beschreiben. Eine Vielzahl der Bildtitel geht auf Fragmente aus dieser Erzählung zurück, so z.B. auch das zuvor abgebildete Pouring-Bild von 2018 „In Tränen der Rührung ausbrechen“. Jeder Betrachter kann gleich zweimal assoziieren. Einmal zum Bildinhalt, dann zum Bildtitel …. und fast jeder gerät fast automatisch in eine Assoziationskette bei der Kombination von beidem.